Die Kraft des Erzählens
Von Doris Weber

Ein Essay aus dem Publik-Forum Nr. 21

Ein netter Kollege brachte zum Erzählabend im November die Kopie eines Artikels über Erzählen mit. Ich habe bei der Autorin, Frau Doris Weber, nachgefragt, und sie hat mir erlaubt, den Text hier zu publizieren:

Ein junger Mann reiste zu einem sehr wichtigen Seminar. Es ging um Frieden, Gerechtigkeit, Gleichwertigkeit und die Frage: Wie lassen sich diese Werte im privaten, beruflichen und politischen Leben umsetzen? Die Vorträge waren ermutigend. Die Dozenten wahrhaftig und darum überzeugend. Ihre Worte weckten Hoffnung: So könnte sie sein, unsere Welt …, wenn nur alle Menschen es wirklich wollten: Frieden, Gerechtigkeit und Gleichwertigkeit.

Und dann ging es in die Arbeitsgruppen. Schon nach zehn Minuten begann der Stress. Und der Streit. Die einen redeten ohne Punkt und Komma, ein paar Leute versuchten, wenigstens ab und zu einen Gedanken loszuwerden, vergeblich. Die Lautesten hatten sich schnell selbst zur obersten Gruppenleitung ernannt und beanspruchten Macht, Dominanz und Deutungshoheit in allen anstehenden Fragen. Das gefiel den meisten Gruppenteilnehmern nicht, aber sie schweigen. Sie hatten Angst, von denen mit den starken Ellenbogen untergebuttert, verlacht, verspottet zu werden. Das war keine gute Situation für ein Seminar über Frieden, Gerechtigkeit und Gleichwertigkeit.

Sieben Tage dauerte das Seminar. Drei Tage waren bereits vergangen, die Vorträge waren nach wie vor spannend, die Gräben in den Arbeitsgruppen jedoch immer tiefer. Am vierten Tag stand ein gemeinsamer Abend auf dem Programm – Zeit für freies Erzählen. Wie wäre es, fragte der Seminarleiter, wenn wir einander einfach einmal alle von uns erzählen, warum wir hier sind, warum wir so eine große Sehnsucht nach Frieden, Gerechtigkeit und Gleichwertigkeit haben?

Langes Schweigen. Und dann begann einer zu reden. Wie er als schwarzer Bürger in seiner Heimatstadt in den USA bis heute Rassismus erlebt, wie sie ihn unschuldig ins Gefängnis steckten, wie schwer es für seine Eltern und Geschwister ist, ein Leben mit Diskriminierung und Bedrohung zu führen.

Ein anderer berichtet darüber, wie er von seinem Vater gedemütigt wurde; eine junge Frau erzählte unter Tränen, dass sie in ihrer Familie sexuell missbraucht wurde. Einer wurde in einem Ingenieurbüro gemobbt und in die Arbeitslosigkeit getrieben, eine Lehrerein schilderte ihren aussichtslosen Kampf an der Schule, Kinder aus armen Familien vor der Ausgrenzung zu bewahren.

Es war sehr still im Raum. Alle hörten einander zu. Die Erzählungen der Menschen hatten die Urteile und die Vorurteile aufgehoben. Und die Hierarchie. Es gab kein Oben und Unten mehr. An diesem Ort, wo Menschen sich plötzlich ihre Geschichten erzählten, war die Gewalt machtlos. Das Erzählen öffnete ihnen Augen, Ohren, Herz und Verstand. Erzählen heißt: einander begegnen. Das Wort an den Nächsten richten und seine Geschichten hören, denn im Erzählen von Geschichten, seien es die eigenen oder die der anderen, geben wir unserem Leben Deutung und Sinn. Wo eine Geschichte ist, da ist eine Person. Wer seine Geschichte erzählt, der wird zum Gegenüber, der bekommt ein menschliches Antlitz. Zusammenleben hat eine Chance, wenn wir aufmerksam und neugierig sind für das Unerhörte in uns und im anderen. Diese Art von Zuhören gelingt jedoch nur, wenn wir nicht eingesperrt sind im Kerker unserer eigenen Ängste.

In den Arbeitsgruppen war es von diesem Moment an unmöglich, sich weiterhin dominant oder arrogant über den anderen zu erheben. Friede kehrte ein, Gerechtigkeit und Gleichwertigkeit. Es war ein schönes Seminar.

Mehr zum Erzählen --> im Tausendundzwei

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